Ostdeutsche Zeitenwende

willi brandt rostock 1989

WILLY BRANDT 1989 IN ROSTOCK

Veröffentlicht by Foto-Hartig, Dezember 2007. Vor 20 Jahren machten sich mündige Bürger der DDR in oppositionellen Gruppierungen auf, um für Demokratie und die Deutsche Einheit zu streiten. Damals ein mutiges und gefährliches Unterfangen, denn die SED-Diktatur war noch nicht am Ende. Nach dem Mauerdurchbruch am 9. November 1989 setzte neben der privaten auch eine parteipolitische Reisefreudigkeit ein. Westdeutsche Politiker und Funktionäre besuchten die bürgerbewegten Kräfte vor Ort. Dazu zählt auch der Besuch von Willy Brandt (1913 bis 1992), SPD-Ehrenvorsitzender und Präsident der Sozialistischen Internationale, am 6. Dezember 1989 in Rostock. Der besonders durch seinen Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Denkmal im Jahre 1970 weltweit geschätzte Staatsmann und spätere Friedensnobelpreisträger war auch in der deutsch-deutschen Zeitenwende ein gefragter Mann.

Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört

Mit Blick auf die beiden deutschen Staaten sagte Willy Brandt in der Marienkirche: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört. - Und vergesst nicht jene, denen es schlechter als uns Deutsche geht.“ Er betonte aber auch: „Eine Wiedervereinigung kann ich mir schwer vorstellen. Es wird nichts mehr so sein, wie es war. Sondern es ist etwas Neues, was wir schaffen müssen, und das müssen wir in Respekt voreinander schaffen.“  An diesem Abend strömten 8000 Menschen in die Kirche, draußen hörten 20 000 über Lautsprecher zu. Danach ging es zu einer Fernsehsendung in den Warnemünder Teepott. Millionen verfolgten live am Bildschirm «die erste wirklich deutsch-deutsche Fernsehsendung im ZDF, „Deutsches aus Ost und West“ mit Dirk Sager als Moderator». (1) Daran nahmen außer Willy Brandt noch Joachim Gauck für das Neue Forum, Wolfgang Schnur für den Demokratischen Aufbruch, Professor Rolf Reißig von der SED Parteischule in Berlin und Ingo Richter, Gründungsmitglied der Sozialdemokratischen Partei in Rostock, teil. Dass aus dem Demo-Ruf des Herbstes „Wir sind das Volk“ nur wenige Monate später „Wir sind ein Volk" wurde, ist neben dem Mauerfall sicher auch dem Brandt-Besuch in Rostock-Warnemünde geschuldet. Ganz klar war das auch einer dieser Mosaiksteine im Tauziehen um die beste politische und wirtschaftliche Lösung für die Bürger in der Noch-DDR.

Die Mauer ist auf!

Auf diese Ereignisse reagierte die Rostocker SPD am Sonntagabend mit einer Festveranstaltung im Albert-Schulz-Haus. Schließlich löste der 6. Dezember vor 20 Jahren eine Eintrittswelle in die sich neu gegründete SDP/SPD aus, besonders in und um Rostock. Dort brachte sie es in den Anfangsmonaten auf 1500 Mitglieder. Daran und an die Anfänge der SPD erinnerte Ingo Richter, Ex-Vorsitzender der SPD im ehemaligen Bezirk Rostock und nach dem politischen Umbruch Ärztlicher Professor der Kinderklinik an der Universität Rostock. Dabei würdigte er das Wirken der kirchlichen Kreise und des Neuen Forums im Herbst 89, verwies auf Gespräche und Freundschaften. Auch wie er Ende Oktober 1989 mit Horst Denkmann in dessen Küche ein Papier aufsetzte, „um die Sozialdemokratische Partei in der DDR, abgekürzt SDP, im Rathaus anzumelden“. Es sollte eine Partei sein, die nicht mit der DDR-Vergangenheit belastet war, wie die Blockparteien, und diese Partei sollte zunächst eine eigenständige Partei in der DDR sein, um sie nicht schon im Ansatz durch ein Verbot zu gefährden, so die Vorstellungen der Gründer. Die Ereignisse um den Mauerfall markierten die Geburt dieser Partei in der Hansestadt. Am Vortag gab es aus dem Rathaus die Anmeldungsurkunde. Am 9. November kamen wieder tausende Menschen in die Rostocker Kirchen zu den Fürbitt-Gottesdiensten, da machte bereits die Nachricht „Die Mauer ist auf!“ die Runde. Im Anschluss zog es viele zum heimischen Fernsehapparat, doch die meisten demonstrierten durch die Innenstadt, von der Marienkirche bis zum Staatssicherheitsgebäude in der August-Bebel-Straße.

Ingo Richter: „Schon am nächsten Tag, am 10. November trafen wir uns im Studentenheim in der Südstadt zur offiziellen Gründungsveranstaltung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR, der SDP.  Ich weiß nicht mehr, wie wir das organisiert haben, denn die Presse hat uns dabei nicht geholfen. Überwiegend geschah es durch mündliche Weitergabe. Es kamen plötzlich Menschen zusammen, die vorher nie einander begegnet waren. Man wusste zunächst auch nicht, wem man trauen durfte. Aber letztlich war es uns auch nicht mehr wichtig. Zu dieser Veranstaltung waren etwa 100 Menschen gekommen. Hier lernte ich erstmals auch Harald Ringstorff kennen, unseren späteren Ministerpräsidenten.“

Als „einfach überwältigend“ bezeichnete Ingo Richter den Anruf vom 20. November 1989, als sich morgens bei ihm das „Büro Willy Brandt“ meldete. „Willy Brandt kommt am Mittwoch, 6. Dezember 1989 nach Rostock. Treffpunkt ist die Marienkirche. Beginn zwischen 17.30 und 18.00 Uhr.“ Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Rostock.

Die sind alle noch bewaffnet

Auch das ist Teil der Geschichte: Am 4. Dezember 1989 verhinderten Bürgerrechtler unter Führung von Axel Peters, einem Bildhauer und späteren Landrat, in der Rostocker Stasizentrale die weitere Vernichtung der Akten. Dazu Ingo Richter: „Ich selbst hatte an diesem Tag Nachtdienst in der Kinderklinik. Plötzlich bekomme ich einen Anruf. Es meldet sich Horst Denckmann aus dem Staatsicherheitsgebäude und verlangt, dass ich umgehend hinkommen müsste. «Bringe Deinen Arztkoffer mit, sie sind alle noch bewaffnet.» Im Nachtdienst vertritt mich ganz bereitwillig - Ironie der Geschichte - der SED Parteisekretär der Klinik, sodass ich im weißen Kittel mit Arztkoffer zum Hintereingang der Staatssicherheit am Grünen Weg fahre, wo bereits  eine riesige Menschenmenge steht und lautstark Einlass begehrt. Ein weißer Kittel ist manchmal hilfreich und so komme ich nach einigen Diskussionen unter Hinweis auf meine ärztliche Pflicht, falls etwas passieren sollte, ebenfalls am Wachposten vorbei. Die anderen paar Tausend bleiben draußen.“ 

Gratulanten aus der Bundesrepublik und Skandinavien

Zur Eröffnung des ersten Parteihauses in der Thomas-Mann-Straße am 28. Dezember 1989 gratulierten zahlreiche Vertreter der neuen Parteien, auch Joachim Gauck - er kam mit einer riesigen Kerze. „Denn letztlich wollten wir alle das Gleiche, die Beseitigung des DDR Regimes“, sagte Richter. Und: „Es kamen unendlich viele Sozialdemokraten aus der Bundesrepublik und auch aus den skandinavischen Ländern zu uns, um zu helfen, technisches Gerät zu übergeben und sich persönlich einzubringen. Auch die Bremer Sozialdemokraten haben uns sehr unterstützt.“ Der frühere Hamburger Bürgermeister Peter brachte dringend benötigtes Geld mit. „Er wusste eben, was uns fehlte.“

Im Dezember 1989 erstritten vor allem die Mitgründer der SPD in Rostock, Ingo Richter und Horst Denkmann, am Runden Tisch des Bezirkes Rostock die Wiedergeburt und das Erscheinen der Tageszeitung „Mecklenburgische Volks-Zeitung“ (MVZ). Altbundeskanzler Helmut Schmidt gab jede Menge Tipps und Anregungen mit auf den Weg.

Wahlen und Staatsverträge besiegelten die Einheit Deutschlands

Innerhalb der SPD dachten nicht alle an die rasche Einheit Deutschlands. Ein Markus Meckel Papier (Februar 1990) forderte fünf bis zehn Jahre, so Richter. „Das war für uns Rostocker Sozialdemokraten ein Schlag ins Gesicht. Wir hatten gerade einen Brief an bedeutende Vertreter der Bundespolitik versandt und die Einheit Deutschlands gefordert.“ Letztlich kam sie durch Wahlen und Staatsverträge zustande. Am 3. Oktober 1990 war die staatliche Einheit Deutschlands vollzogen. 

Die 70 SPD-Mitglieder, die am 6. Dezember 2009 zum Feiern kamen, hatten wirklich allen Grund dazu.

Roland Hartig, 7. Dezember 2009

1) Zitat: Ingo Richter


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