Glasnost auf deutsch

kutter auf grund

Alte Garde verschlief Tapetenwechsel

Das Foto hier mal symbolisch gesehen: Die DDR ist am Ende, das Führungsschiff sinkt, die alte Garde ist von Bord gegangen. Dieser Schnappschuss, der einen Kutter in einer misslichen Lage zeigt, entstand 1990 in Ribnitz-Damgarten. 

Mit Gorbatschows Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit) in der Sowjetunion - offiziell ab 1986/87 eingeleitet - dachten viele Menschen in der DDR, jetzt geht es bei uns auch bald los. Aber die alte Garde im Politbüro dachte nicht daran. In einem stern-Interview vom 9. April 1987 erklärte SED-Chefideologe Kurt Hager abwertend: „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?” Dieser Betonkopf stand mit seiner herrschaftlichen Meinung nicht allein da. Denn zuvor, nach zweiwöchiger Bedenkzeit, segnete das Politbüro das Interview ab. Nicht nur der stern, auch das damalige Parteiorgan Neues Deutschland (ND) veröffentlichte es. Dabei propagierte das Blatt mal den Leitgedanken: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.” Und jetzt der Bruch, kein Tapetenwechsel in der DDR? Das war eine völlig lebensfremde PR für den angeblich „real existierenden Sozialismus“.

Und es gab noch viele andere Ost-Mühlen, die unter die Räder kamen. Besonders die Wirtschaft stand unter dem Bremsklotz „Führende Rolle der SED”. Jeder Großbetrieb hatte einen bezahlten Parteisekretär. Es galt der dogmatische Spruch: „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!” Völliger Schwachsinn, dachte ich damals schon, als ich selbst noch Mitglied war. Ein Mitläufer war ich nicht. Im Gegenteil, ein bewegter Mensch, der dies und das auf die Schippe nahm, der Missstände nannte, aber auch einer, der beim „Subbotnik” (freiwilliger Arbeitseinsatz) im Wohngebiet mit anpacken konnte.

Als die sowjetische Zeitschrift Sputnik am 19. November 1988 von der Postzeitungsliste der DDR gestrichen wurde, war ich sehr verärgert. Das Heft verboten? Laut einer ND-Meldung leiste es keinen Beitrag zur Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft und bringe statt dessen verzerrende Beiträge zur Geschichte. Ein politisches Husarenstück gegen Glasnost. Leider hielt sich die allgemeine Aufregung darüber in Grenzen. 

Für viele Bürger war das Maß längst voll, ob mit oder ohne Sputnik. Denn politische Gängelung und Mangelwirtschaft nahmen immer mehr zu. Im Sommer 1989 packten Zehntausende ihre „Urlaubs”-Koffer und flüchteten in die bundesdeutschen Botschaften in Prag, Budapest und Warschau. Andere versuchten, die Grenze - den „Eisernen Vorhang” - zu überwinden. Überall spielten sich menschliche Tragödien ab. Die Ausreisewelle riss Lücken in vielen Familien. Hardliner versuchten mit ihrer „Selbst-Schuld”-Masche zwischen den DDR-Bürgern, die ihre Heimat verließen, und denen, die hier blieben, einen Keil zu schieben. Hier im Osten die Eltern, der Sohn nun im Westen. Ewig konnte diese zum Zerreißen angespannte Situation nicht so bleiben. Aber die alte Garde verschlief weiter den Tapetenwechsel. Sie feierte am 7. Oktober 1989 den 40. Jahrestag der DDR in einer schon bemerkenswerten realitätsfernen Manier. Der Staatspräsident der ehemaligen UdSSR, Michail Gorbatschow, beschrieb als Gastredner die damalige Lage ganz treffend: „gefährlich für denjenigen wird, der nicht auf das Leben reagiert.“ Daraus wurde die populäre Redewendung: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Für die Opposition in der DDR war das ein wichtiges Signal.

Im Herbst 1989 fragte ich auf einer Versammlung - da war ich noch Offizier in Warnemünde - ob es jetzt nicht höchste Zeit ist, die alte DDR zu tapezieren, ja zu renovieren. Meine Frage kam ins Protokoll, Antworten gab es keine. Von da war mir nichts mehr im Weg, nur heraus aus dieser Zwick- und Tretmühle.

Ich sagte mir: Kündige! Packe deine Kamera ein, auf zu den Donnerstagsdemos in Rostock, fotografiere Geschichte, die Wende oder wie es inzwischen ganz richtig heißt, die Friedliche Revolution. Die Kraft der Straße setzte den Tapetenwechsel in Gang. Friedlich, auch berechenbar, im Rahmen von Wahlen und Staatsverträgen. Dann die Vollendung der staatlichen Einheit Deutschlands am 3. Oktober 1990. Praktisch Perestroika und Glasnost auf deutsch. 

roland-hartig


Was mich heute immer noch freut, ich konnte endlich das machen, was ich schon seit Jahren vergeblich versucht hatte: Mich als Fotoreporter zu verwirklichen. Mein erster Arbeitgeber war die Mecklenburgische Volks-Zeitung (MVZ), später folgten die NNN und der küsten-reporter. Als Geschäftsführer in einem Verband brachte ich nebenbei ein Buch und zehn Jahre lang einen elektronischen Rundbrief heraus. Zwischen diesen Jobs nahm ich mir sogar eine Auszeit als Fernfahrer im Autotransport quer durch Europa. 

C’est la vie, das ist das Leben! Endlich in Freiheit!

Roland Hartig 

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