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Kinder, wie die DDR-Zeit vergeht

wendekinder
klassenfoto


Veröffentlicht by Foto-Hartig, November 2009. Im ersten Bild, oben: Die „Wende“-Kinder Anne, Susanne, Doreen und  Katrin (v.l.) aus Rostock im Herbst 1989 vor der Kamera. Sie sind aufgekratzt und spüren die Veränderungen in der DDR. Die im Hintergrund eingefügte Mauer, eine Montage, soll die historische Situation verdeutlichen. Was ist aus diesen Mädchen geworden? Anne (27) lebt heute in einer festen Beziehung, sie hat ein Kind und arbeitet als Krankenschwester in Berlin. Doreen (31), geschieden, zwei Kinder, ist in einem Altenheim in Rostock tätig. Wo die beiden anderen leben und arbeiten, ist nicht bekannt. Alle haben jedenfalls die Schule mit einem guten Abschluss verlassen.

Das Bild darunter zeigt Rostocker Schüler einer 9. Klasse, die sich am 10. November 2009 im Unterricht mit den historischen Hintergründen der „friedlichen Revolution“ in der damaligen DDR beschäftigt haben. Zwischen diesen beiden Aufnahmen liegen 20 Jahre. 

Beim Thema „Mauerfall“ konnten sich offenkundig erstmals Lehrer, Schüler und Zeitzeugen wegen des zeitlichen Abstandes von 20 Jahren völlig ungezwungen mit den Verhältnissen in der DDR auseinander setzen. So fand ein vom Volkshochschulverband MV initiierter Projekttag am Innerstädtischen Gymnasium Rostock unter dem Titel „Die Rostocker und ihre Revolution - Politischer Umbruch in Rostock 1989/90“ mit Besichtigung der Dokumentations- und Gedenkstätte der BStU in der ehemaligen U-Haft der Stasi, Zeitzeugen und Film „Es ist die Zeit“ großen Zuspruch. Zudem konnten alle Schülerinnen und Schüler der sechsten Klassen in der Hansestadt Rostock ein Kinderbuch des tschechischen Zeichners Peter Sis mit dem Titel „Die Mauer - Wie es war, hinter dem Eisernen Vorhang aufzuwachsen“ in Empfang nehmen. Ein Geschenk des Münchner Carl Hanser Verlages mit seinem Verleger Michael Krüger und des Rostocker Buchhändlers Manfred Keiper („die andere Buchhandlung“).

In Rethwisch, Landkreis Bad Doberan, erinnerten mehr als 300 Schüler der Conventer Schule mit einem Sternmarsch durch die Straßen an den Mauerdurchbruch vor 20 Jahren. Die nachgebaute Mauer stürmten sie mit lauten Rufen. Das Käthe-Kollwitz-Gymnasium Rostock recherchierte in Stasi-Akten. Herausgekommen ist die Geschichte eines gescheiterten Fluchtversuchs mit einem U-Boot. In Neubrandenburg arbeitete das Gymnasium Carolinum die Geschichte der Stasi-Haftanstalt Neustrelitz auf. Schüler der Grundschule Tarnow im Landkreis Güstrow sprachen mit Zeitzeugen über die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) im damaligen Bezirk Rostock. Die „Dorfrepublik Rüterberg“, die zu DDR-Zeiten in der militärischen Sperrzone lag, untersuchte das Gymnasiale Schulzentrum Dömitz, Landkreis Ludwigslust. In Samtens auf Rügen ließen 188 Mädchen und Jungen der Grundschule „Kranichblick“ Luftballons in den Himmel steigen.

Von längerer Dauer ist diese Aktion: Eine historische Straßenbahn zum Gedenken an die friedliche Revolution 1989 und den Mauerfall fährt seit 9. November durch Rostock. Die OSTSEE-ZEITUNG und die Rostocker Straßenbahn AG brachten den mit Schlagzeilen und Fotos dekorierten Tatra-Triebwagen von 1989 auf die Schiene. Diese Straßenbahn verkehrt bis 2011 auf der Linie 1.

Für viele ist die kleine, merkwürdige DDR mit Mauer und Stacheldraht längst Geschichte. Beim Rückblick fällt auf: „Kinder, wie die DDR-Zeit vergeht.“ Doch der Bürgerrechtler und ehemalige Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck (69), sieht 20 Jahre nach dem Mauerdurchbruch bei vielen Ostdeutschen noch immer Skepsis gegenüber dem vereinten Deutschland: „Die Freude an der Freiheit hat sich in Furcht vor der Freiheit verwandelt“. Für ihn persönlich seien die wesentlichen Ziele der damaligen Bürgerbewegung erfüllt. „Wir sind ein freies Land, wir haben Grundrechte und sind ein Rechtsstaat. Das hatte ich 50 Jahre meines Lebens nicht“, sagte der gebürtige Rostocker. Deswegen sei er nicht enttäuscht, sondern von Freude und Dankbarkeit über die Einheit geprägt. Das erklärte er in einem Gespräch am 9. November der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Roland Hartig 

Wende daran noch denkst

friedliche revolution rostock 1989

Veröffentlicht by Foto-Hartig, Oktober 2014. Aktuell erinnern Medien, Parteien und politische Stiftungen an die friedliche Revolution in der DDR vor 25 Jahren. Damals war ich als Fotoamateur unterwegs. Viele Menschen spürten wie ich, so konnte es im „realen Sozialismus“ nicht mehr weiter gehen. Es musste etwas passieren. Schliesslich brachte die alte realitätsfremde Garde, die am 7. Oktober noch den 40. Jahrestag der DDR von oben herab feiern konnte, das Fass zum Überlaufen. Was sich danach in vielen Städten der DDR - so auch in Rostock - nach getaner Arbeit in den Kirchen, auf den Straßen und in den Dialogrunden abspielte, erfasste Hunderttausende. Es waren die bewegten Bürger, die sich mutig den gewaltlosen und demokratischen Aufbruch in die Freiheit erstritten. Dabei konnten sich die Forderungen wie Ende der SED-Herrschaft, Meinungs- und Reisefreiheit, freie Wahlen und Deutsche Einheit durchsetzen. 

Mit meinem Fotoapparat lichtete ich eine Fülle historischer Momente ab. Daraus entstand aktuell diese Foto-Collage mit 12 Bildern, die aus meiner Sicht den Prozess des gesellschaftspolitischen Wandels gut verdeutlicht. Die einzelnen Bildbeschreibungen finden Sie im Internet unter dem Titel „Die friedliche Revolution 1989 in Rostock“, Rubrik „Fotoalbum“

Ein Foto-Video unterlegt mit dem Rostocker Song „Es ist die Zeit“ von Wolfgang Grahl (Text, Melodie, Gesang) und Johannes Pistor (Arrangement) ist auf YouTube abrufbar. 

Zudem ist die Collage WENDE DARAN NOCH DENKST Variante 1 / Variante 2 / Variante 3 auf der Plattform fotocommunity zu finden. Der jeweilige Fotoabzug ist als Kunstedition z.B. unter Acrylglas u.a. im Format 60 x 40 erhältlich. 

Roland Hartig (erstmals veröffentlicht am 24.10.2014)

Ostdeutsche Zeitenwende

willi brandt rostock 1989

WILLY BRANDT 1989 IN ROSTOCK

Veröffentlicht by Foto-Hartig, Dezember 2007. Vor 20 Jahren machten sich mündige Bürger der DDR in oppositionellen Gruppierungen auf, um für Demokratie und die Deutsche Einheit zu streiten. Damals ein mutiges und gefährliches Unterfangen, denn die SED-Diktatur war noch nicht am Ende. Nach dem Mauerdurchbruch am 9. November 1989 setzte neben der privaten auch eine parteipolitische Reisefreudigkeit ein. Westdeutsche Politiker und Funktionäre besuchten die bürgerbewegten Kräfte vor Ort. Dazu zählt auch der Besuch von Willy Brandt (1913 bis 1992), SPD-Ehrenvorsitzender und Präsident der Sozialistischen Internationale, am 6. Dezember 1989 in Rostock. Der besonders durch seinen Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Denkmal im Jahre 1970 weltweit geschätzte Staatsmann und spätere Friedensnobelpreisträger war auch in der deutsch-deutschen Zeitenwende ein gefragter Mann.

Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört

Mit Blick auf die beiden deutschen Staaten sagte Willy Brandt in der Marienkirche: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört. - Und vergesst nicht jene, denen es schlechter als uns Deutsche geht.“ Er betonte aber auch: „Eine Wiedervereinigung kann ich mir schwer vorstellen. Es wird nichts mehr so sein, wie es war. Sondern es ist etwas Neues, was wir schaffen müssen, und das müssen wir in Respekt voreinander schaffen.“  An diesem Abend strömten 8000 Menschen in die Kirche, draußen hörten 20 000 über Lautsprecher zu. Danach ging es zu einer Fernsehsendung in den Warnemünder Teepott. Millionen verfolgten live am Bildschirm «die erste wirklich deutsch-deutsche Fernsehsendung im ZDF, „Deutsches aus Ost und West“ mit Dirk Sager als Moderator». (1) Daran nahmen außer Willy Brandt noch Joachim Gauck für das Neue Forum, Wolfgang Schnur für den Demokratischen Aufbruch, Professor Rolf Reißig von der SED Parteischule in Berlin und Ingo Richter, Gründungsmitglied der Sozialdemokratischen Partei in Rostock, teil. Dass aus dem Demo-Ruf des Herbstes „Wir sind das Volk“ nur wenige Monate später „Wir sind ein Volk" wurde, ist neben dem Mauerfall sicher auch dem Brandt-Besuch in Rostock-Warnemünde geschuldet. Ganz klar war das auch einer dieser Mosaiksteine im Tauziehen um die beste politische und wirtschaftliche Lösung für die Bürger in der Noch-DDR.

Die Mauer ist auf!

Auf diese Ereignisse reagierte die Rostocker SPD am Sonntagabend mit einer Festveranstaltung im Albert-Schulz-Haus. Schließlich löste der 6. Dezember vor 20 Jahren eine Eintrittswelle in die sich neu gegründete SDP/SPD aus, besonders in und um Rostock. Dort brachte sie es in den Anfangsmonaten auf 1500 Mitglieder. Daran und an die Anfänge der SPD erinnerte Ingo Richter, Ex-Vorsitzender der SPD im ehemaligen Bezirk Rostock und nach dem politischen Umbruch Ärztlicher Professor der Kinderklinik an der Universität Rostock. Dabei würdigte er das Wirken der kirchlichen Kreise und des Neuen Forums im Herbst 89, verwies auf Gespräche und Freundschaften. Auch wie er Ende Oktober 1989 mit Horst Denkmann in dessen Küche ein Papier aufsetzte, „um die Sozialdemokratische Partei in der DDR, abgekürzt SDP, im Rathaus anzumelden“. Es sollte eine Partei sein, die nicht mit der DDR-Vergangenheit belastet war, wie die Blockparteien, und diese Partei sollte zunächst eine eigenständige Partei in der DDR sein, um sie nicht schon im Ansatz durch ein Verbot zu gefährden, so die Vorstellungen der Gründer. Die Ereignisse um den Mauerfall markierten die Geburt dieser Partei in der Hansestadt. Am Vortag gab es aus dem Rathaus die Anmeldungsurkunde. Am 9. November kamen wieder tausende Menschen in die Rostocker Kirchen zu den Fürbitt-Gottesdiensten, da machte bereits die Nachricht „Die Mauer ist auf!“ die Runde. Im Anschluss zog es viele zum heimischen Fernsehapparat, doch die meisten demonstrierten durch die Innenstadt, von der Marienkirche bis zum Staatssicherheitsgebäude in der August-Bebel-Straße.

Ingo Richter: „Schon am nächsten Tag, am 10. November trafen wir uns im Studentenheim in der Südstadt zur offiziellen Gründungsveranstaltung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR, der SDP.  Ich weiß nicht mehr, wie wir das organisiert haben, denn die Presse hat uns dabei nicht geholfen. Überwiegend geschah es durch mündliche Weitergabe. Es kamen plötzlich Menschen zusammen, die vorher nie einander begegnet waren. Man wusste zunächst auch nicht, wem man trauen durfte. Aber letztlich war es uns auch nicht mehr wichtig. Zu dieser Veranstaltung waren etwa 100 Menschen gekommen. Hier lernte ich erstmals auch Harald Ringstorff kennen, unseren späteren Ministerpräsidenten.“

Als „einfach überwältigend“ bezeichnete Ingo Richter den Anruf vom 20. November 1989, als sich morgens bei ihm das „Büro Willy Brandt“ meldete. „Willy Brandt kommt am Mittwoch, 6. Dezember 1989 nach Rostock. Treffpunkt ist die Marienkirche. Beginn zwischen 17.30 und 18.00 Uhr.“ Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Rostock.

Die sind alle noch bewaffnet

Auch das ist Teil der Geschichte: Am 4. Dezember 1989 verhinderten Bürgerrechtler unter Führung von Axel Peters, einem Bildhauer und späteren Landrat, in der Rostocker Stasizentrale die weitere Vernichtung der Akten. Dazu Ingo Richter: „Ich selbst hatte an diesem Tag Nachtdienst in der Kinderklinik. Plötzlich bekomme ich einen Anruf. Es meldet sich Horst Denckmann aus dem Staatsicherheitsgebäude und verlangt, dass ich umgehend hinkommen müsste. «Bringe Deinen Arztkoffer mit, sie sind alle noch bewaffnet.» Im Nachtdienst vertritt mich ganz bereitwillig - Ironie der Geschichte - der SED Parteisekretär der Klinik, sodass ich im weißen Kittel mit Arztkoffer zum Hintereingang der Staatssicherheit am Grünen Weg fahre, wo bereits  eine riesige Menschenmenge steht und lautstark Einlass begehrt. Ein weißer Kittel ist manchmal hilfreich und so komme ich nach einigen Diskussionen unter Hinweis auf meine ärztliche Pflicht, falls etwas passieren sollte, ebenfalls am Wachposten vorbei. Die anderen paar Tausend bleiben draußen.“ 

Gratulanten aus der Bundesrepublik und Skandinavien

Zur Eröffnung des ersten Parteihauses in der Thomas-Mann-Straße am 28. Dezember 1989 gratulierten zahlreiche Vertreter der neuen Parteien, auch Joachim Gauck - er kam mit einer riesigen Kerze. „Denn letztlich wollten wir alle das Gleiche, die Beseitigung des DDR Regimes“, sagte Richter. Und: „Es kamen unendlich viele Sozialdemokraten aus der Bundesrepublik und auch aus den skandinavischen Ländern zu uns, um zu helfen, technisches Gerät zu übergeben und sich persönlich einzubringen. Auch die Bremer Sozialdemokraten haben uns sehr unterstützt.“ Der frühere Hamburger Bürgermeister Peter brachte dringend benötigtes Geld mit. „Er wusste eben, was uns fehlte.“

Im Dezember 1989 erstritten vor allem die Mitgründer der SPD in Rostock, Ingo Richter und Horst Denkmann, am Runden Tisch des Bezirkes Rostock die Wiedergeburt und das Erscheinen der Tageszeitung „Mecklenburgische Volks-Zeitung“ (MVZ). Altbundeskanzler Helmut Schmidt gab jede Menge Tipps und Anregungen mit auf den Weg.

Wahlen und Staatsverträge besiegelten die Einheit Deutschlands

Innerhalb der SPD dachten nicht alle an die rasche Einheit Deutschlands. Ein Markus Meckel Papier (Februar 1990) forderte fünf bis zehn Jahre, so Richter. „Das war für uns Rostocker Sozialdemokraten ein Schlag ins Gesicht. Wir hatten gerade einen Brief an bedeutende Vertreter der Bundespolitik versandt und die Einheit Deutschlands gefordert.“ Letztlich kam sie durch Wahlen und Staatsverträge zustande. Am 3. Oktober 1990 war die staatliche Einheit Deutschlands vollzogen. 

Die 70 SPD-Mitglieder, die am 6. Dezember 2009 zum Feiern kamen, hatten wirklich allen Grund dazu.

Roland Hartig, 7. Dezember 2009

1) Zitat: Ingo Richter


Gerechtigkeitsausschuss Rostock 1989 - 1994

arvid schnauer

1. Phase :: Gegründet wurde dieser Ausschuss in den revolutionären Wirren des Herbstes 1989 noch von der DDR-Stadtverordnetenversammlung Rostock auf einer Sondersitzung am 6.11.1989. 

- Er sollte Anträge von Bürgern der Stadt Rostock zur Prüfung von Rechtsverletzungen durch Funktionäre des Staates, der Wirtschaft und anderer gesellschaftlicher Bereiche in Rostock bearbeiten; 

- angeblich falsche Anschuldigungen prüfen und auf der Grundlage des Rechts die Verantwortlichkeit feststellen und 

- er sollte Bürger, denen Unrecht geschehen ist, bei der Rehabilitierung unterstützen. (Wortlaut der Aufgabenstellung)

Dieser „zeitweilige Gerechtigkeitsausschuß“ sollte aus Abgeordneten aller mandats-tragenden Parteien und Organisationen gebildet werden und sich auf Vorschläge von weiteren Organisationen und Bürgerbewegungen ergänzen können. „Zur Sicherung der Arbeitsfähigkeit ist durch den Rat der Stadt ein Sekretär zu benennen. Die Konstituierung erfolgt bis zum 13.11.1989“. Der designierte SED Vorsitzende Helmut Wassatsch trat sein Amt wegen angeblicher Morddrohungen nicht an (es wurde bekannt, dass in seinem Betrieb starke Proteste lautgeworden waren), Frau Ulrike Oschwald wurde am 21.11. in der ersten Sitzung zur Vorsitzenden und Arvid Schnauer als ihr Stellvertreter bestimmt. Nach der ersten freien Wahl wurde Frau Oschwald Senatorin und Arvid Schnauer übernahm das Amt des Vorsitzenden bis zum Schluß der Arbeit im Jahre 1994. 

Dieser merkwürdige Vorgang hatte also seinen Anfang in den Turbulenzen der revolutionären Bewegung im Oktober 1989 und wurde noch von den DDR-Gremien (Stadtverordnetenversammlung und Rat der Stadt Rostock) unter Regie der „führenden“ Partei initiiert. Er war damit von seinem Ursprung her ein Versuch der damaligen Machthaber, auf die revolutionäre Lage zu reagieren. Dass noch vor seinem ersten Zusammentreten Vertreter der evangelischen Kirche und des Neuen Forums in die Arbeit eingebunden werden sollten, zeigt, welche Kraft von dem Druck der Kirche (Friedensgebete) und der Straße (Demonstrationen) ausging. Der Ausschuss nahm in der Umbruchzeit am 21. November seine Arbeit auf und sorgte im Konzert der Bürgerbewegungen und der neu entstehenden Parteien und Gruppierungen für eine besondere Stimme und hatte an der Aufarbeitung des DDR-Unrechts einen wesentlichen Anteil. Diese Genesis aus der SED-Stadtverordnetenversammlung darf nicht aus den Augen gelassen werden.

2. Phase :: Nachdem zunächst nur eine Arbeitsphase bis zur ersten freien Wahl 1990 ins Auge gefasst war, wurde der Ausschuss im Herbst 1990 durch die Beauftragung der neuen Bürgerschaft nach dieser ersten demokratischen Wahl in Rostock zu einem der wenigen Bindeglieder zwischen der „alten“ und der „neuen“ Zeit. Eine Reihe der bisherigen Mitglieder war bereit, weiter zu arbeiten, sein Vorsitzender Pastor Arvid Schnauer wurde vom Bündnis 90 auch für den neuen Ausschuss vorgeschlagen und von der Bürgerschaft bestätigt; die Arbeitsprinzipien und Vorgehensmuster wurden beibehalten. 

Der Gerechtigkeitsausschuss hat also von November 1989 bis zum Oktober 1990 und danach in einer zweiten Phase bis November 1994 gearbeitet. In beiden so verschiedenartigen Zeiträumen seiner Tätigkeit hat er mit seinem Versuch, Menschen zu rehabilitieren, Unrecht offenzulegen und für einen Neuanfang zu sorgen, Grundlagen für eine demokratische Entwicklung geschaffen. Als regulärer Ausschuss der Bürgerschaft versuchte er bis 1994 die Jahre des Übergangs zu gestalten und auch in dieser von Wirren gekennzeichneten Zeit für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen. 

Beispielhaft zeigt seine fast 5-jährige „Geschichte“, wie unter dem Druck von Friedensgebeten und Demonstrationen eine Bürgerbewegung entstand, in der sich neue Hoffnungen Bahn brachen und nach Regeln gesucht wurde, Menschen zu rehabilitieren. Freiheitliches Verhalten begann, alte Strukturen abzulösen. So verbanden die Bemühungen des Gerechtigkeitsausschusses die letzte Phase der DDR-Zeit in der Stadt Rostock über die Stationen des Herbstes 1989 und die Tage der ersten freigewählten DDR-Regierung mit der Anfangszeit der Bürgerschaft in der Hansestadt. Dadurch ist er zu einer der ganz wenigen kontinuierlich arbeitenden Institutionen dieser Jahre geworden. 

1994 musste seine Arbeit beendet werden, weil in der neuen Kommunalverfassung ein Ausschuss mit dieser Aufgabenstellung nicht vorgesehen war und die Bürgerschaft sich nicht zu einer Neuformulierung oder Sondereinrichtung verstehen konnte. So spiegelt sich in der Arbeit des Rostocker Gerechtigkeitsausschusses der Zusammenbruch der DDR und der Übergang zur Demokratie mit allen Mühen der Ebene wider, und an seinen dokumentierten Bemühungen ist auch abzulesen, wie und warum unter den neuen Verhältnissen manche Ideale der Revolutionszeit nicht realisierbar waren. 

Die öffentlich spektakulärste Aktion des Gerechtigkeitsausschusses war eine in Zusammenarbeit mit der Deutschen Seereederei zustandegekommene Entschädigungszahlungsaktion an Hunderte von Seeleuten, denen in der DDR-Zeit aus sicherheitspolitischen (= ideologischen) Gründen der Sichtvermerk im Seefahrtsbuch entzogen worden war, was einem Berufsverbot gleichkam. Dabei wurden von der Deutschen Seereederei Rostock insgesamt 3,58 Millionen Mark der DDR und 580.000 D-Mark an die Betroffenen ausgezahlt - aus reiner Kulanz, ohne rechtliche Grundlage. Dass dabei die geheimen Akten und Protokolle der sog. BKG, der betrieblichen Kontrollgruppe des Generaldirektors der DSR durch eine gelungene Beschlagnahme-Aktion am 11.01.1990 dem Gerechtigkeitsausschuss zur Verfügung standen, ermöglichte eine sachliche Bearbeitung und vereinfachte das Verfahren sehr. Gleiches gilt auch für ebenfalls mit Berufsverbot belegte Seeleute der Fischereiflotte und der Fischwirtschaft, denen Rehabilitierungssummen in etwa gleicher Höhe ausgezahlt wurden.

Arvid Schnauer


Quellen:

A) Vorhandene Tondokumente: 

a) die Bänder des Mitschnitts der öffentlichen Stadtverordnetenversammlung vom 6.11.1989, an dem der Ausschuss gegründet wurde, im Stadtarchiv Rostock

b) „Zum Beispiel: Rostock vom politischen Umbruch zur gesamtdeutschen Gegenwart“, ein Feature von Ingo Colbow; Redaktion: Ansgar Skriver, Regie Dieter Carls, Produktion WDR u. SR 1995 

c) NDR 1 Radio MV - „Forum“ „Erinnerungen für die Zukunft“, Rostocker Gerechtigkeitsausschuss; gesendet am 28.03.2006 von 19.15 - 20.00 Uhr; Moderation: Joachim Dresdner und Steffi Mehlhorn 

B) Veröffentlichungen: Arvid Schnauer „Zur Arbeit des Rostocker Gerechtigkeitsausschusses, Teil 1: 1989/90“ Erinnerungen, Notate, Dokumente, Schwerin 2009, herausgegeben von der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; ISBN: 978-3-933255-30-3 und ders.

„Zur Arbeit des Rostocker Gerechtigkeitsausschusses, Teil 2: 1990 bis 1994“; ebenfalls herausgegeben von der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Zusammenarbeit mit dem Verein „Gegen Vergessen - Für Demokratie“ e.V. Berlin

C) Filmbeiträge:

„Zeitreise“: NDR-Beitrag über den Gerechtigkeitsausschuss und die Seefahrtsbücher, 31.10.2004.

„Zeitreise“: NDR-Beitrag über den Gerechtigkeitsausschuss, 25.01.2015.

„Die friedliche Revolution 1989 in Rostock“, Fotos: Roland Hartig, Song von Wolfgang Grahl „Es ist die Zeit“; musikalisches Arrangement: Hannes Pistor, www.youtube.com/watch?v=beHHITMzChw

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