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Die Zeitung FREIE ERDE

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Die Zeitung „Freie Erde“ (1952-1990), Kader, Themen, Hintergründe. Beschreibung eines SED-Bezirksorgans. Autorin: Christiane Baumann. Hrsg. von der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

Schwerin, 2013, ISBN: 978-3-933255-42-6

Foto: Buchansicht, vorne (rechts) und hinten (links).


Jeder vierte Redakteur arbeitete für das MfS

Das jüngste Buch „Die Zeitung «Freie Erde» (1952-1990)“ der Autorin Christiane Baumann bestätigt: Auch die SED-Tageszeitung im Bezirk Neubrandenburg „war Teil eines widersprüchlichen Phänomens: Einerseits hatte die DDR-Presse enorme Statistiken vorzuweisen, was Vielzahl und Auflagenhöhe betraf, andererseits wurden die angeblich interessiertesten Zeitungsleser der Welt mit journalistischer Schmalkost abgespeist.“ Die Autorin deckt in ihrer Studie das Grundübel auf: „Der Stil von SED-Zeitungen (ebenso wie der übrigen) war wesentlich geprägt durch die Abwesenheit von Presse- und Meinungsfreiheit. Prinzipiell gelangte nur nach ideologischen Kriterien Ausgewähltes an die mehrfach kontrollierte Öffentlichkeit.“ 

Auch bislang kaum untersuchte Querverbindungen der Zeitungsmacher wurden offen gelegt. So entdeckte Christiane Baumann bei ihren Recherchen in der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen die Akten von über 40 ehemaligen „Inoffiziellen Mitarbeitern“ der Freien Erde. Demnach war Mitte der 80ziger Jahre fast jeder vierte Journalist ein IM des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). „Sie waren die «Horchposten» der Schnüffelbehörde sowohl nach innen in die Redaktion, als nach außen unter der Leserschaft.“ Dabei verweist die Autorin darauf, dass ein ganz großer Teil dieser inoffiziellen Arbeit auf die Leserschaft gerichtet war. „Die SED-Ebenen wollten wissen, was das Volk denkt.“ 

Dass fast 90 Prozent sämtlicher Druckkapazitäten in Besitz der SED-Holding ZENTRAG waren, zählte zu den „völlig bedeckt“ gehaltenen Eigentumsverhältnissen der SED. Mit Leichtigkeit ließ sich so Parteiräson verbreiten, konstatiert Christiane Baumann. Gefragt war der linientreue Journalist. Für die 14 SED-Bezirkszeitungen und die überregionale Tageszeitung Neues Deutschland (ND) geradezu konsequent: Um den Posten eines Chefredakteurs konnte man sich nicht bewerben. Die auserwählten Chefs „bekamen einen Parteiauftrag aus Berlin - und regelmäßige Vorgaben darüber, was ins Blatt sollte und was nicht“, beschreibt Baumann das Prozedere. 

Die 179 Seiten starke Beschreibung der Zeitung Freie Erde, die Fotos, Dokumente, Quellenangaben und ein Namenregister enthält, ist insgesamt gesehen die erste umfassende Studie über eine SED-Zeitung im Zeitraum von 1952 bis 1990. Außerdem dokumentiert das Buch das Fundament der DDR-Presse, „die in allen ihren Bereichen ein Kind des Stalinismus war“. Eine ähnlich detaillierte und öffentlich zugängliche Aufarbeitung liegt bei den anderen Ex-SED-Bezirkszeitungen so nicht vor. 

Nur in wenigen SED-Tageszeitungen, die westdeutsche Verlage nach der Wende aufkauften, hat es eine Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte von 1952 bis 1990 gegeben. Dazu merkt Christiane Baumann an: „Eine Studie der Technischen Universität Dresden mit dem Titel «Willfährige Propagandisten» (1997) zeigte Exemplarisches zum Thema MfS und Bezirkszeitungen an Einzelfällen von Stasi-Verwicklung aus Berliner Zeitung, Sächsische Zeitung (Dresden) und Neuem Tag (Frankfurt/Oder). Für die auflagenstarke Leipziger Volkszeitung wurde besonders die unmittelbare Umbruchzeit beschrieben.“ Die Ostsee-Zeitung gab zum 50. Jubiläum (2002) in Rostock einen Band mit dem Titel „Weil wir hier zu Hause sind“ heraus, „der Problematisches aus der DDR-Zeit erwähnte, aber nicht im Detail ausführte. Fakten wie die Stasi-Anbindung von Redakteuren blieben ausgespart. Umso stärker traf es die OZ dann, als die IM-Belastung ihres langjährigen Chefredakteurs ... im Jahr 2005 bekannt wurde.“ 

Die Aufklärung über die Presselandschaft in der DDR ist ein schwieriges Unterfangen. Immerhin, der Nordkurier (Neubrandenburg), der 2012 das 60jährige Bestehen als Regionalzeitung feierte, ließ ohne Wenn und Aber die ersten 38 Jahre Redaktionsarbeit unter dem Namen Freie Erde von der Berliner Journalistin Christiane Baumann „entziffern“. 

Roland Hartig 

Vom Aufbruch

radfahrer demo rostock 1990

Erste Fahrrad-Demo und Volksfest für Bremen in Rostock

Die sich überall breit machende „neue Demokratie” wird ab Herbst 1989 immer mutiger und bunter. So stellt sie die alte Städtepartnerschaft zwischen Rostock und Bremen - seit 1987 bestehend - mit einem „Volksfest für Bremen“ im Januar 1990 in Rostock vom Kopf auf die Füße. Veranstalter sind verschiedene Bürgerinitiativen, Parteien, die Hansestadt und zahlreiche Betriebe. Vorbei ist die Zeit der Reglementierung durch die SED und die Staatssicherheit. Mit dem Aufbruch geht es „familiärer“ zu, denn auch für die Bewohner beider Hansestädte existiert die deutsch-deutsche Grenze nicht mehr. 

Auch die 1. Rostocker Fahrrad-Demo im Juni 1990 sorgt für Zulauf. Aufgerufen hatten das NEUE FORUM, Bündnis 90 und die Bürgerbewegung DEMOKRATIE JETZT. Rostock ist zu dieser Zeit ALLES, aber nicht Radfahrerfreundlich. Vom Universitätsplatz geht es über den Südring zum Bahnstorfer Wald. Am Start und Ziel gibt es Kundgebungen und rege Diskussionen. 

Rainer Zschoch - Text und FOTO-SERIE 

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